Die Flucht in Filme

Verarbeitet haben die Kambodschaner ihre Vergangenheit noch nicht. Und viele leben in bitterer Armut. Für Filme bleibt da kaum Zeit. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb mögen sie sie ziemlich gerne.

In sexy Hot-Pants schleicht sie vorsichtig an uralten, riesigen Gemäuern vorbei. Gigantische Baumwurzeln schlingen sich um und über die grauen Steine. Die Muskeln der Frau sind aufs äußerste angespannt, bei jedem Geräusch schnellt ihr Kopf ruckartig in die Richtung, aus der es kam. Es sind gewaltige Heiligtümer im Norden Kambodschas,  durch die sie geht, halb zerfallen und unübersichtlich. Sie sind beeindruckend, strahlen etwas Geheimnisvolles aus.

So geheimnisvoll, dass Lara Croft. Tomb Raider nicht der einzige Hollywood-Blockbuster ist, der Angkor Wat als Drehort nutzte. Die Tempelanlagen aus dem 12. Jahrhundert sind das berühmteste Wahrzeichen Kambodschas und tauchen immer wieder in Kinofilmen auf. Ausländischen, wohlgemerkt. Selten sind es die Kambodschaner selbst, die hier drehen. Die Filmindustrie im Land ist klein und befindet sich gerade erst wieder im Aufbau. Für Produktionen fehlt es oft schlicht an Geld. Das war jedoch nicht immer so.

Das kulturelle Angebot war vielfältig

Bis in die Siebziger hinein war das Königreich Kambodscha ein kulturell vielfältiges Land. Theater, Tanz, Musik- die Auswahl war groß. Die Filmindustrie erlebte in den Sechzigern einen enormen Aufschwung. Produktionsfirmen wurden gegründet und immer mehr Kinos eröffnet. Sowohl in der Hauptstadt Phnom Penh als auch in den Provinzstädten. Den Menschen ging es verhältnismäßig gut, die Tickets waren erschwinglich und so war der Kinobesuch ein beliebter Zeitvertreib.

Von diesem Goldenen Zeitalter, dem Interesse an Filmen und vor allem am Filmemachen, ist heute nicht mehr viel zu spüren. Kambodscha ist ein armes Land, die Analphabetenrate beträgt über 20% und große Teile der Bevölkerung haben nicht immer genug zu Essen auf dem Tisch. Auf den Straßen betteln Kinder, unzählige Häuser sind heruntergekommen. Die Menschen wirken erschöpft vom Kampf ums Überleben, den sie schon so lange führen. Für Kultur bleibt da wenig Gelegenheit. Davon abgesehen ist das Angebot sehr klein.

Die Filmindustrie war tot, ebenso zwei Millionen Menschen.

Drei Jahre, acht Monate und zwanzig Tage brauchten die Roten Khmer, um das Land derart zurückzuwerfen. In den Siebzigern herrschte in Kambodscha Bürgerkrieg, bis 1975 die Kommunistische Partei von Kampuchea die Macht an sich riss. Mit Pol Pot an der Spitze. Es folgte eine radikale Neustrukturierung, um Kambodscha in einen maoistischen Bauernstaat zu verwandeln: Die  Staatsmacht schloss die Grenzen und evakuierte Städte. Die Bewohner wurden in Arbeitslager gebracht. Bücher, Musikinstrumente, Filme, Gemälde, Schauspieler, Maler, Musiker und Tänzer – es wurde vernichtet, was den Roten Khmer in die Hände fiel. Auch die Menschen. Wer konnte floh, die meisten wurden jedoch umgebracht. Sofort nach Machtübernahme schloss das Regime sämtliche Kinos und zerstörte fast die gesamte technische Ausrüstung. Die Filmindustrie war tot. So tot wie die knapp zwei Millionen Kambodschaner, die in dieser Zeit  starben. Das war ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

Nur noch zwei Kinos gibt es in Phnom Penh

Sowohl die Menschen als auch die Filmindustrie brauchten lange, um sich von dieser Schreckenszeit zu erholen. Vollkommen gelungen ist es beiden noch immer nicht.

Kinos gibt es in Kambodscha zur Zeit nur wenige. In der Hauptstadt, die immerhin 1,5 Millionen Einwohner hat, findet man lediglich zwei. Die unterscheiden sich erstaunlich wenig von denen in Deutschland. Durch die Eingangstür gelangt man in eine große Vorhalle, in der Plakate hängen. Auf einem lächelt sich ein Liebespaar schmachtend an, von einem anderen blickt eine junge Frau mit ängstlichem und verstörtem Blick. Es gibt einen Ticketschalter, man kann sich Popcorn, Cola und andere Süßigkeiten kaufen.

Im Gegensatz zu den meisten Deutschen, haben allerdings die wenigsten Kambodschaner je ein Kino von innen gesehen. Der größte Bevölkerungsteil lebt auf dem Land, 85 Prozent sind das. Als Ackerbauern bewirtschaften sie saftig grüne Reisfelder, die unbefestigte Straßen säumen. Was so idyllisch klingt ist ein hartes Leben. Die Hälfte der Kinder ist unterernährt, die Kindersterblichkeit liegt bei 12,5 Prozent. Versuche aus dem Ausland, dem abzuhelfen scheitern oft an der allgegenwärtigen Korruption. Für Kinokarten, geschweige denn eine Fahrt in die Hauptstadt, haben nur wenige das nötige Kleingeld. Und auch die Original-DVDs der Streifen sind teuer.

All das hält die Menschen jedoch nicht davon ab, sich gerne Filme anzuschauen. Wenn schon nicht im Kino, dann eben zu Hause.

Raubkopien sind die günstigste Möglichkeit fürs Heimkino und deshalb ein Problem, das der Filmindustrie in Kambodscha schwer zu schaffen macht. Investieren will in die Filmbranche kaum jemand und wegen der fehlenden Besucher mussten in den letzten Jahren alle Kinos außer den beiden in der Hauptstadt schließen. Das Geschäft lohnte sich einfach nicht.

Die Menschen sehnen sich nach Unterhaltung

Action- und Horrorstreifen, Komödien und Romanzen – die Kambodschaner sehnen sich nach Unterhaltung. Sie haben zu viele Sorgen, als dass sie auch in Filmen noch mit Negativem konfrontiert werden wollen. Die Inhalte sind deshalb meist oberflächlich.  Film und Kunst sollte man in Kambodscha besser nicht in Zusammenhang bringen. Der Anspruch des Publikums ist simpel: Amüsement.

Diese Anspruchslosigkeit der Bevölkerung, das Desinteresse an politischen oder gesellschaftskritischen Inhalten, kommt der Regierung gelegen. Umso seltener muss die Zensur eingreifen. Das kommt sonst vor allem bei sexuellen Themen, Religion und Politik vor. Es mangelt in Kambodscha noch immer an Meinungsfreiheit.  Die Regierung wird selten kritisiert, aus Angst, dass Aussagen irgendwann gegen einen verwendet werden.

Produktionen, die die Vergangenheit thematisieren gibt es in Kambodscha so gut wie gar nicht. Das mag damit zusammenhängen, dass diese allgemein kaum thematisiert wird. Als Mittel zur Aufklärung oder Verarbeitung von Ereignissen werden Filme jedenfalls nicht genutzt. Fast nicht.

Eine Ausnahmeerscheinung: Rithy Panh

Es sieht so harmlos aus. Bänke stehen auf dem Hof, grüne Palmen und Bäume prägen die Szene. Das alte zerfallende Schulgebäude in Phnom Penh wirkt unscheinbar, nebensächlich. Ein Gang durch die Räume des Gebäudes, das einmal das Gefängnis Tuol Sleng war, verändert das Bild drastisch. Es erinnert an die Grausamkeiten, die hier vor Jahren von Menschen an Menschen begangen wurden. In mehreren Zimmern sind Bilder von ehemaligen Insassen ausgestellt. Einige schauen trotzig in die Kamera, manche ängstlich, andere verzweifelt. Erschreckend viele Kinder sind abgebildet. 14.000 Häftlinge hatte die KPK in den knapp vier Jahren ihrer Herrschaft in Tuol Sleng, vielen besser als S21 bekannt, eingekerkert. Sieben von ihnen überlebten.

Die Szene stammt aus der Dokumentation S21: The Khmer Rouge Killing Machine von Regisseur Rithy Panh. In dem Film werden ehemalige Gefängniswärter mit den überlebenden Insassen konfrontiert. Es gibt keine Stimme aus dem Off und die Protagonisten sprechen stets direkt in die Kamera. Dadurch ist der Film trotzt des spannungsgeladenen Themas sehr neutral. Nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter kommen zur Sprache und schildern, was sie erlebt haben. Der Regisseur klagt nicht an und versucht auch nicht, sich einzumischen. Er scheint einfach nur wissenzuwollen, was damals geschehen ist.

Rithy Panh ist in der kambodschanischen Filmlandschaft eine Ausnahme. Im Alter von 15 Jahren floh er 1979 nach Frankreich. Dort machte er seine gesamte filmische Ausbildung. Panh befasst sich mit der Geschichte seines Landes und vor allem mit den Menschen. Sein Film One Evening After the War handelt zum Beispiel von einem aus dem Krieg heimgekommenen Soldaten, der gegen die Roten Khmer kämpfte. Da der Film aber das Trauma aufzeigt, das viele durch die Kämpfe und die politische Situation erlitten haben, durfte er im Land selbst nicht gezeigt werden.

Es fehlt an professionellen Teams

Filmschaffende wie Panh sind in Kambodscha Rarität. Nicht nur in Bezug auf seine Inhalte, sondern auch, was seine fachlichen Kompetenzen betrifft. Es fehlt an professionellen Technikern und Schauspielern, weil es kaum Ausbildungsmöglichkeiten gibt. „Kambodschanische Filmemacher können in der Branche nicht genug Geld verdienen“, erklärt die Schauspielerin Lida Chan. “Also hören die meisten auf, Filme zu produzieren. Machen sie trotzdem weiter, ist es nicht professionell. Weil es entweder an Geld oder an Technikern fehlt.” Darin liegt eines der Hauptprobleme der Filmindustrie. Ohne professionelle einheimische Filmemacher, die auch in der Lage sind, neue Generationen zu trainieren, kann es keine nachhaltige Entwicklung geben. Man wird von Unterstützung aus dem Ausland abhängig bleiben.

Ambitionen, dies zu ändern gibt es. Zwar existiert kein nationaler Filmpreis aber in den letzten Jahren sind vielversprechende Produktionsfirmen, Festivals und Organisationen entstanden.  Seit 2007 gibt es das CamboFest Film and Video Festival of Cambodia, das erste unabhängige Filmfestival in Kambodscha. Es wird jährlich abgehalten und sowohl nationale als auch internationale Produktionen werden gezeigt. Khmer Mekong Films (KMF) ist die führende Produktionsfirma im Land und konzentriert sich auf qualitativ hochwertige Features, Dokumentationen, Werbespots und Informationsfilme.

Es ist also eine Entwicklung im Gange, die Hoffnung macht. So wie auch die Prozesse gegen Verantwortliche der Khmer Rouge, die erst jetzt abgehalten werden, doch noch Hoffnung auf ein klein wenig Gerechtigkeit machen. Und obwohl Film und Kino in Kambodscha hauptsächlich dazu dienen der Wirklichkeit zu entkommen und die Produktionen meist flach und anspruchslos sind, können sie in der Gesellschaft eine wichtige Funktion haben. Als ein Ort, an dem die Menschen den harten Alltag für eine Weile vergessen und sich amüsieren können. Schließlich ist das bei meist nicht anders.

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Eine Antwort zu “Die Flucht in Filme

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