Bibelstunde

„Warum sitzt ihr denn hier?“ Es war die denkbar blödeste Frage, die ich da stellte. Kaum war das letzte Wort über meine Lippen gekommen, kniff ich diese auch schon verlegen zusammen. Ich saß beim Kaffeekränzchen in den Räumen der evangelischen Seelsorge im Gefängnis Tegel in Berlin. Mit am Tisch saßen etwa acht Insassen, zwei Pastoren und ihr Praktikant. Sexualverbrechen, Diebstal, Körperverletzung – die Liste der Straftaten war kunterbunt und ich ausgesprochen nervös. Dabei bestand kein Grund zur Angst. Im Gegenteil, die Atmosphäre war entspannt und irgendwie gesellig, mit Kaffee und Keksen. Ich war erstaunt. So hatte ich sie mir nicht vorgestellt, die Bibelstunde, die die evangelischen Seelsorger im Gefängnis jede Woche abhielten. Die Bibel kam überhaupt nicht zur Sprache. Stattdessen gab es eine Diashow, einer der Pastoren zeigte Bilder aus seinem letzten Urlaub in den Alpen. Dazu erzählte er die eine oder andere Anekdote. Alle schauten und hörten aufmerksam zu, kommentierten, rissen Witze, einen nach dem anderen. Die Fotos waren ein Fenster zu einer Welt, auf die viele dieser Männer schon seit Jahren verzichten mussten. Zu recht, mögen einige sagen, schließlich sind sie nicht grundlos im Knast. Das trifft zu.

Und doch füllte sich dieser Begriff „Gefängnisinsasse“ für mich an diesem Tag mit einer vollkommen neuen Bedeutung. Er bekam ein Gesicht, viele Gesichter und zwar menschliche. Das heißt nicht, dass ich kein mulmiges Gefühl hatte, dass ich es nicht seltsam fand, mit Straftätern an einem Tisch zu sitzen. Da war konstant diese leise Stimme, die fragte, was der mit dem schütteren Haar wohl verbrochen hat. Und wer wohl der Sexualstraftäter war, von dem der Pastor mir zuvor erzählt hatte. Bizarr, wie sympathisch und befremdlich zugleich mir diese Menschen waren.

In der Bibelstunde ohne Bibel genossen die Männer ein Stück Freiheit. Bei den Seelsorgern gab es keine Protokolle, wie etwa bei sozialpädagogischen Mitarbeitern. Was gesagt wurde, blieb unter den Anwesenden. Vielleicht waren deshalb alle so ausgelassen.

Auf meine Frage wurde herzlich gelacht. So ernst sie gemeint war, ich wollte eigentlich wissen, weshalb sie überhaupt zur Bibelstunde kamen, auf eine ernste Antwort wartete ich vergeblich. Die Stimmung war heiter und wären da nicht die Gitterstäbe vor den Fenstern gewesen, hätte man fast vergessen können, dass uns dicke Gefängnismauern umgaben. Und dass es Gründe gab, wegen denen sie hier saßen.

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