A lady

Er sah ein wenig aus wie der Sohn von Ossi Osbourne. Dasselbe pausbaeckige, lausbubenhafte Gesicht, der verschlafene Blick und die schwarz geraenderte Brille. Er war Amerikaner, sein Akzent verriet ihn sofort.

„Do you speak English? Please tell me you speak English, cause no one ever does here.“ Ich wunderte mich, mit wem er sich wohl so unterhalten hatte. Wir waren in einer Touristenhochburg. Sowohl in den Bars als auch in den Hostels war es schwierig, das Personal zum Spanisch sprechen zu bewegen.

„Yes, I do speak English.“

„Oh great. Finally a cute Argentinian girl that speaks my language.“

Halt. Argentinisch? Er hielt mich fuer eine Argentinierin. Na gut, dachte ich, lassen wir ihn mal in dem Glauben. Was genau er mir noch alles erzaehlte, ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Es war zusammenhanglos und interessierte mich nicht wirklich. Also gab ich ihm mehr oder weniger direkt zu verstehen, dass er seinen Weg zur Bar lieber fortsetzen sollte.

Zwanzig Minuten spaeter. Wieder steht er vor mir: „Hey! Where are you from?“ Ich runzelte grinsend die Stirn. Sein Gedaechtnis schien von all dem Alkohol etwas angeschlagen zu sein. Es dauerte eine Weile bis er meinte: „Is there any chance I´ve been talking to you before already?“

„Yes, you could say that.“

„Oh, wow, it must mean something that I talk to you twice.“

Fand ich ihn nervig oder amuesant? Schwer zu sagen. „How old are you?“, wollte er wissen.

„I´m 25.“

„Oh, wow, 25 already. Wow. I´m 21.“ Verwundert war ich darueber nicht. Er sah jung aus und verhielt sich auch so. „So I´m talking to a real Argentinian lady now. Awesome! You´re like a real woman.“

Ich war vier Jahre aelter als er und er hielt mich fuer eine Lady. Das fuehlte sich seltsam an, als sei ich… alt. Mit 25? Die meisten Leute, die ich traf, waren juenger als ich. All die Israelis, die gerade aus der Armee entlassen wurden sind Anfang 20. Franzosen, Englaender, Deutsche – fast alle sind sie juenger gewesen. Es scheint ein bestimmtes Alter zu sein, in dem man derartige Reisen unternimmt: mit Anfang 20. Hin und wieder ist da jemand mit Ende 20 / Anfang 30. Aber es ist selten. Die meisten moechten doch irgendwann sesshaft werden, einen guten Job finden, Geld verdienen, heiraten, Kinder. Das uebliche eben.

Ist man irgendwann zu alt zum Reisen? Zum Backpacken, ueber Monate hinweg? Allgemeingueltige gesellschaftliche Normen, Wertvorstellungen suggerieren das. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Laendern. Sie geben uns vor, wie unser Leben idealerweise verlaufen sollte, was „normal“ ist. Dabei geht es nicht um richtig oder falsch an sich, sondern darum, was die Mehrheit als richtig oder falsch betrachtet.

Manchmal ist es besser, gegen den Strom zu schwimmen. Das ist das, was die Rucksackreisenden ueber 30 irgendwie tun. Letztendlich ist man immer nur so alt, wie man sich fuehlt. Von wem auch immer dieser Satz stammt, er ist wahr.  Da macht es dann auch nichts mehr, als echte argentinische Lady bezeichnet zu werden.

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Eine Antwort zu “A lady

  1. Die Frage stelle ich mir mit 31 auch manchmal … Allerdings lerne ich dann doch immer wieder Leute kennen, die auch jenseits der 30 noch gerne unterwegs sind. Ich habe manchmal sogar das Gefühl, man hat mehr vom Reisen, wenn man älter ist. Man ist vielleicht nicht mehr ganz so unbeschwert, dafür reist man bewusster, weil man sich selbst dabei weniger beweisen muss.

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