Der Holländer

Er hatte blondes, bereits lichter werdendes Haar, einen leichten Bierbauch und meist schwarze Kleidung am Leibe. Ein Ziegenbaertchen schmueckte sein Kinn und einen gepflegten, duennen Schnurrbart liess er ueber seinen Lippen stehen. Der Mann, ich weiss nicht, wie er heisst, kam aus Holland. Jedem begegnete er mit Freundlichkeit. Manchmal wirkte er verloren, zwischen all den jungen Rucksackreisenden. Ich schaetzte ihn auf Anfang 40.

Kaum jemand erfuhr die Geschichte direkt, aus erster Hand. Alles lief ueber Mittelmaenner, Dritte, Vierte, Fuenfte. Hostels sind eine Welt fuer sich, es gibt Geruechte, Affaeren, Sticheleien, die sich im Nichts zerstreuen, sobald die betroffenen Leute wieder abgereist sind. Der Hollaender wohnte mittlerweile im Bellavista in Santiago de Chile. Seit zwei Monaten ging er dort ein und aus, er kannte die Angestellten, lernte und verlernte die Namen all jener, die auf der Durchreise waren. Baruch, ein Israeli, der im selben Dorm wie ich schlief, erzaehlte mir die Geschichte. Der Hollaender war in Santiago, um seine Tochter zu sehen. Deren Mutter war Chilenin und erlaubte ihm nicht, Kontakt zu seinem Kind zu haben. Vielleicht hatte sie Gruende, vielleicht auch nicht. Weder ich, noch die Leute, denen dieselbe Geschichte erzaehlt wurde, werden das je erfahren. Frueher oder spaeter wird der Hollaender in einer der untersten Schubladen meines Gedaechtnisses verschwinden, womoeglich nie wieder daraus auftauchen.

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