Nackt am Kotti

Der U-Bahnhof Kottbusser Tor in Berlin ist kein Ort zum Verweilen. Überall klebt Taubenkacke, es stinkt nach Urin, Glasscherben liegen herum und er ist Drogenumschlagplatz. Trotzdem ist das Kotti, bzw. seine Umgebung, angesagt bei Berlins junger stylischer Bevölkerung. Vor allem bei den Hipstern. Seltsam irgendwie, aber eben eine der vielen Entwicklungen der Gentrifizierung, die Berlin fest im Griff hat.

Morgens gegen halb zehn fand sich hier an einem Samstag Anfang Mai ein junger Fotograf mit seinem Team ein. Édouard Manets Gemälde „Das Frühstück im Grünen“ sollte interpretiert werden. Es war eine Hausaufgabe des Berliner Lette Vereins, an dem Martin Welker, der Fotograf, studiert. Auf Manets Bild sind vier Erwachsene zu sehen, die sich im Grünen befinden. Eine Frau im Hintergrund sammelt Kräuter, zwei Männer sitzen auf einer Wiese und unterhalten sich. Bei ihnen sitzt eine nackte Frau, den Betrachter direkt anblickend. Das Gemälde stammt aus dem Jahr 1863 und löste damals einen kleinen Skandal aus, ob der hüllenlosen Dame. Manch einem Kunstkritiker zufolge ging es Manet darum, modernes Leben auszudrücken und damalige Konventionen von Sittlichkeit zu sprengen.

Für viele am Kotti ist Sittlichkeit eher ein Fremdwort. Das moderne Leben aber spielt sich dort ohne Zweifel ab. Ein wichtiger Grund für Welker, das Gemälde gerade an diesem Ort fotografisch zu interpretieren. Und wer mimt die Nackte? Im Vorfeld wurde viel gemutmaßt und gescherzt. Letztlich ist es kein anderer als der Fotograf. Es geht ihm um die Ich-Bezogenheit in der heutigen Welt, also setzt er sich selbst ins Bild. Nackt. Dazu gehört, so mitten in der Stadt, durchaus Mut. Die Frau im Hintergrund wird durch einen Flaschen sammelnden jungen Mann ersetzt und die beiden sich rege unterhaltenden Herren stellen zwei junge Frauen dar. Eine mit einem Döner in der Hand, die andere mit einer Flasche Bier, Marke Sternburg. Frühstück am Kotti.

Der Döner ist denn auch Gesprächsthema, während die Kamera eingestellt und positioniert wird. Er stammt vom Vortag und sieht dementsprechend lecker aus. Essen will den keiner mehr. Oder doch. Zwei Sinti und Roma-Frauen, die an einer Ampel fleißig versuchen, Windschutzscheiben zu putzen und dafür Geld zu bekommen, sind schwer interessiert. „Gebt den uns zum Essen“, sagen sie in gebrochenem Deutsch, immer wieder. Da das Teil auf dem Boden lag und wir nicht für eine Lebensmittelvergiftung verantwortlich sein wollen, schmeißen wir die Leckerei lieber weg.

Es scheint die beiden Frauen zu interessieren, was wir da eigentlich machen. Immer wieder schauen sie zu uns herüber, spaßen miteinander oder mit den Leuten in den Autos. Die Augen scheint ihr Lächeln dabei aber nicht richtig zu erreichen. Und dann zieht sich da plötzlich einer aus… mitten am Tag, in aller Öffentlichkeit. Während es sonst kaum jemanden kümmert, löst die nackte Haut bei den Frauen einen Skandal aus. „Your men is crazy“, sagen sie ein um’s andere Mal. „Crazy! Not do that!“ Wir ignorieren sie, grinsen vor uns hin. Das ärgert sie noch mehr, sie werden aggressiver: „Verpisst euch!“.

Nach getaner Arbeit packen wir zusammen und gehen nach Hause. Die beiden Frauen sind dabei noch eine gute Weile Gesprächsthema. Sie spielten sich auf, wie zwei Moralapostel. Das birgt eine gewisse Ironie in sich. Ohne hier Stereotype bedienen zu wollen, manche der Sinti und Roma in der Hauptstadt haben es faustdick hinter den Ohren und scheuen sich nicht, bestimmte Dinge durch die Hintertür zu erreichen, trickreich und schlau – und frei von jeglicher Moral. Schimpfwörter benutzen sie überdies auch sehr gerne, wie wir live miterleben durften. Geht es aber um Körperliches, zeigt sich, dass ihre Moralvorstellungen den unseren nicht entsprechen. Für sie löste Welkers Interpretation von Manets Gemälde einen ähnlichen Skandal aus, wie das Gemälde selbst es vor 150 Jahren tat.

Am Kotti sind sie allerdings mit ihrer Empörung alleine. Der Nackte passt dort wunderbar ins Bild von Taubenkacke, Uringestank, Glasscherben und jungen, stylischen Menschen.

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3 Antworten zu “Nackt am Kotti

  1. einfach nur geil geschrieben! hut ab!

  2. das freut mich, wenn’s gefällt!

  3. Mir gefaellt auch) weiter so!)

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