Gesprächsbedarf

„Hält die 29 hier?“, will er wissen. Ich stehe an einer Haltestelle in San Telmo, eines der ältesten Viertel von Buenos Aires. Mit „29“ meint der junge Mann, der mich angesprochen hat, den Colectivo 29, einen der vielen Linienbusse, die durch die Straßen der argentinischen Hauptstadt rasen.

„Ja, der hält hier“, gebe ich zurück. Es ist der Bus, auf den ich ebenfalls warte. Er kommt, wir steigen ein und der junge Mann, Zesar, wie er mir bereits mitgeteilt hat, bleibt neben mir stehen. Zesar hat fast schwarze, kurzgeschorene Haare. Er trägt eine rahmenlose Brille und könnte ein paar Kilo mehr vertragen.

„Ich habe Familie in Deutschland“, erzählt er.

„Ah, da komme ich her. Sprichst du Deutsch?“

„Ja, ein bisschen.“

Das bisschen ist recht gut und die Unterhaltung wird auf Deutsch weitergeführt. Wobei Unterhaltung zu viel gesagt ist. Es handelt sich mehr um einen Monolog seinerseits.

„Ich spreche 18 Sprachen. Habe ich mir fast alles autodidaktisch beigebracht. Chinesisch, Arabisch, Französisch…. ich habe auch brasilianisches, deutsches und arabisches Blut in mir.“

Zu dem Zeitpunkt nicke ich noch freundlich, gebe hin und wieder ein „ah“ und „hm“ von mir.

Zesar studiert in Buenos Aires Medizin. Brasilien ist sein Heimatland, er stammt aus ärmlichen Verhältnissen, sein Vater hat die Familie verlassen als er noch sehr klein war. Heute, da er angehender Arzt ist, suche dieser wieder den Kontakt. „Aber das will ich nicht.“

Zesar hat außerdem in der Armee gedient. „In Brasilien ist das Pflicht, wenn du das nicht machst, musst du ins Gefängnis.“ Sein Gesicht ist ernst, mittlerweile ist er zu gebrochenem Englisch übergegangen. Warum auch immer, ich frage nicht nach.

In der Armee hat er gelernt, mit den unterschiedlichsten Situationen umzugehen. „Einmal hungerte ich fünf Tage lang. Das war Training. Verlassen habe ich die Armee als zweiter Leutnant.“ Zesar blickt mich stolz über den Rand seiner Brille hinweg an. Seine Stimme hat einen leicht prahlenden Tonfall und weil mehr und mehr Leute in den Bus steigen, rückt er ein Stück näher.

Dass sein Vater die Familie verlassen hat, scheint ihn mächtig zu beschäftigen. Darüber lässt er sich eine gute Weile aus, mir gegenüber, einer ihm vollkommen Fremden. Eine junge Argentinierin schielt immer wieder zu uns herüber, ein halbes Lächeln im Gesicht. Im Gegensatz zu Zesar merkt sie, dass ich all das eigentlich gar nicht wissen will. Es ist zu viel. Zu viel Information, zu viel Redefluss, zu viel Prahlerei. Ich mag Gespräche, Monologe eher weniger. Trotzdem versuche ich, eine halbwegs freundliche Mimik beizubehalten – und steige aus, als ich endlich nahe genug an zu Hause bin, um den Rest zu Fuß zu gehen.

Bis vor die Haustür frage ich mich, was jemanden dazu veranlasst, einer fremden Person in kürzester Zeit seine halbe Lebensgeschichte zu erzählen. Die Fahrt dauerte etwa 20 Minuten. Fragen habe ich kaum gestellt und weiß doch mehr von dem jungen Medizinstudenten also von anderen, mit denen ich mich eine Stunde lang unterhalten habe. Hatte er einfach nur Gesprächsbedarf?

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