Mentale Software

Straßenbild in San Telmo, Buenos Aires

Der Kulturschock bleibt in Buenos Aires weitgehend aus. Es ist anders, ja. Der Verkehr ist um so vieles chaotischer als in Deutschland und die vielen Einbahnstraßen verwirren mich noch immer. Argentinier sprechen oft wild gestikulierend und begrüßen jeden mit einem Kuss auf die Wange. Da sind die Cartoneros, die tagtäglich mit ihren Wägen durch die Straßen ziehen, Papier, Karton sammeln, um damit ein wenig Geld zu verdienen. Es sind mehr Obdachlose zu sehen und Arm und Reich scheinen allgemein weiter auseinander zu liegen. Wer will, kann aber durchaus die Augen vor den Villas verschließen, kann wegsehen, beim Vorbeigehen an Menschen ohne Dach über dem Kopf und ein paar Meter weiter in das nächste Geschäft stolpern.

Trotzdem ist Buenos Aires abendländisch genug, europäisch genug, dass ich einen Kulturschock wie etwa in Indien hier nicht hatte.

Junge Porteños, wie die Einwohner von Buenos Aires genannt werden, tragen dieselbe Mode wie junge Berliner. Die Stadt wimmelt nur so von Studenten, die Architektur ähnelt der in Europa, das Essen ist ähnlich, man findet beispielsweise Pizza an jeder Ecke, es gibt McDonalds, Starbucks. Die Menschen gehen ins Theater, ins Kino, sitzen nachmittags beim Kaffee zusammen und trinken abends gerne Wein. All das gibt es auch in Deutschland. Dabei spreche ich von Buenos Aires, wohlgemerkt. In anderen Regionen Argentiniens kann die Sache schon wieder anders aussehen. Die Hauptstadt ist eine Insel, in dem riesigen Land. Kulturschock hatte ich hier keinen.

Das Gedankenspiel mit dem Kulturschock wirft für mich eine weitere Frage auf. Nämlich die nach Kultur an sich. Was ist das eigentlich? Was versteckt sich hinter dem Begriff? Eine einheitliche Antwort lässt sich darauf nicht finden. Schon 1952 gab es 175 Definitionen von Kultur. Heute sind es sicherlich um einige mehr. Fest steht, dass es sich nicht nur um Kunstformen wie Tanz und Theater handelt. Kultur ist komplexer, umfassender.

Als „Software des Geistes“ bezeichnet der niederländische Soziologe und Anthropologe Geert Hofstede Kultur in seiner Arbeit „Kulturen und Organisationen“ (1991). Indem er sozialisiert wird, wird der Mensch auch mental „programmiert“. Diese Programmierung macht uns schließlich zum Mitglied einer Gemeinschaft, Organisation oder Gruppe und entsprechend dieser verhalten wir uns. Entsprechend dieser beurteilen wir auch, was richtig und falsch ist, sie beinhaltet Moral und Wertvorstellungen.

Einen Kulturschock erleidet man nach Hofstede, wenn man auf eine andere geistige Software trifft. Alltägliches und gewöhnliches, wie Essen, Begrüßung oder das Zeigen bzw. Verbergen von Emotionen sind dann anders, genauso wie Sprache und Ausdrucksformen.

Kultur ist letztlich nicht greifbar, so sehr wir auch versuchen sie greifbar, sichtbar zu machen. Vor allem aber ist sie nicht statisch, bleibt nicht gleich, sondern entwickelt sich stets weiter. Leise und unauffällig.

Vor 100 Jahren war die geistige Software der Bewohner von Buenos Aires und denen Berlins womöglich sehr unterschiedlich. Heute ist die der Menschen, denen ich in Argentiniens Hauptstadt begegne meiner eigenen ähnlich genug, um einen Kurzschluss (Kulturschock) zu vermeiden.

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