Ohne Dach und Brücke

Sie fallen einfach auf. Die Menschen, die in Buenos Aires auf der Straße leben. Auf seiner Route von einem Ende der Stadt zum anderen, fährt der Bus Nummer 15 immer unter einer Bahnbrücke hindurch. Die befindet sich mitten in Palermo, dem hippsten Stadtteil von Buenos Aires, in dem sich Läden junger Designer aneinander reihen und sich Argentiniens Mittelklasse und Oberschicht mit Touristen und Expats mischt. Genau dort, unter dieser Brücke, so nah am Wohlstand des Landes gelegen, lebt eine junge Familie. Mit Kartons und Brettern hat sie sich ein kleines „Schlafzimmer“ gebaut, dessen Eingangstür aus einem Vorhang besteht. Stets weist dieser eine Lücke auf, sodass nach innen sehen kann, wer möchte. An manchen Tagen liegt dort eine Mutter mit einem Baby. Manchmal ist es ein junger Mann. Immer ist die Matratze belegt. Außen, neben dem provisorischen Bau, steht ein abgewetztes Sofa, auf der anderen Seite eine weitere Matratze. So wohnt die Familie dort, Tag für Tag, Woche für Woche. Es ist schwer zu sagen, aus wie vielen Mitgliedern sie besteht aber mindestens fünf Personen sind da, jedes Mal, wenn der Bus Nummer 15 vorbeifährt. Bis eines Tages keiner mehr da ist, auch nicht das selbst gebaute Schlafzimmer.

Wohin ist die Familie verschwunden? Und warum? Sie hatten sich recht gut eingerichtet, unter der Brücke. War es der argentinische Staat, der dafür sorgte, dass sie nicht mehr an genau diesem Ort hausen?

Die Krise von 2001 führte für viele Argentinier in die Armut. Noch 2003 lebten 54 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Nach und nach erholte sich das Land, insbesondere der Export von Soja half dabei. Die Beschäftigungszahlen stiegen wieder, es ging bergauf. Aber eben nicht für alle, das ist heute deutlich spürbar. Die Regierung unter Cristina Kirchner muss gegen einen Kapitalabfluss in Milliardenhöhe kämpfen. Eine der eingeführten Maßnahmen ist hier, dass Argentinier kaum noch an US-Dollar kommen. Offiziell, der Schwarzmarkt blüht. Zudem macht eine Inflation von 20 bis 25 Prozent jegliche Sozialpolitik obsolet.

Argentinien hat Ressourcen, ist eigentlich kein armes Land. Und doch ist es keine Ausnahme, dass Menschen auf der Straße leben, sondern kommt nur allzu häufig vor. Regierungsgegner kritisieren zudem, dass die Kriminalität ansteige und auch die Korruption unter Kirchner weitaus höher sei als unter anderen Regierungen. Vorschläge für Verbesserungen gibt es derweil wenige. Die Opposition ist zersplittert. Ob sich das bis zur nächsten Wahl 2015 ändert, wird sich noch zeigen.

Wohin die Familie unter der Brücke verschwand, wird ein Rätsel bleiben. Vielleicht taucht sie an anderer Stelle wieder auf, vielleicht kommt eine andere Familie, die sich an der selben Stelle eine Unterkunft zimmert. Bis auch sie nicht mehr da ist. Wer mit offenen Augen durch die Straßen von Buenos Aires geht, kann die Armut nicht übersehen. Wer sie aber übersehen will, dem dürfte das nicht schwer fallen. Vergnügungen gibt es in Argentiniens Hauptstadt genug.

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