Rückwärts zählt er nicht

Die steile Treppe steigt Luis flink nach unten. Mit jeder Stufe wird die Luft stickiger, es stinkt nach Schweiß und dem Muff alter Sportgeräte. Schließlich betritt der 17-Jährige das Boxstudio Ferrobaires, das unter dem Bahnhof Constitución in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires liegt. Vom Trubel des Bahnhofs ist dort nichts zu merken. Dumpf schlagen Fäuste auf Sandsäcke, alle paar Minuten ertönt eine schrille Klingel. Grelle Neonleuchten erhellen die kühle Halle, in deren Mitte ein Boxring thront.

Luis trainiert hier täglich. Er ist groß und athletisch, hat einen sehnigen, muskulösen Körper. Zügig und unter den wachsamen Augen seines Trainers Alberto Santoro beginnt er sein Training: Seilspringen, Liegestütze, Situps. Dann wird die Technik geübt. Santoro korrigiert und gibt Anweisungen. Luis saugt dabei jedes Wort eifrig in sich auf. „Nur wenn ich hart trainiere kann ich es schaffen“, sagt er. Luis will Profiboxer werden.

Sein nächster Wettkampf könnte ihn diesem Ziel ein Stück näher bringen: Argentiniens Boxverband schickt Talentsucher. Sie halten Ausschau nach jungen Boxern für die Nationalmannschaft. In dieser werden Sportler auf Probe trainiert. Wer weiter gut boxt, darf bleiben und immer häufiger bei Turnieren in den Ring steigen. Das ist das Ziel. 52 Kämpfe muss ein Amateurboxer in Argentinien austragen, um Profi zu werden. Luis tritt zum elften Mal an.

Ein langer Prozess

Die Tage vor dem wichtigen Kampf zählt Luis nicht rückwärts, ändert das Training kaum. Der Sportler geht weiter früh morgens laufen und fährt dann mit dem Zug nach Constitución. Er achtet stärker auf sein Gewicht, darauf, was er isst. Und auf Sex verzichtet er – zu riskant. Zwei Tage vorher macht er nur noch leichte Übungen, um seine Kräfte zu schonen.

Die Vorbereitung auf jenen zentralen Augenblick, der einen Wendepunkt für Luis darstellen könnte, wirkt unspektakulär – ist es aber nicht. Der Weg zum Profiboxer ist ein langer Prozess. Luis boxt seit zwei Jahren, seit einem in Ferrobaires. Er befindet sich permanent im Training, jeder Tag gehört seither zum Countdown. Nicht nur bis zum immer nächsten Kampf, es ist der Countdown hin zur Profikarriere. Mit 20 will er sein Ziel erreicht haben. Um sich besser auf das Boxen konzentrieren zu können, hat er die Schule abgebrochen. „Das ist jetzt wie ein Job für mich“, erzählt Luis. Der Sport ist für ihn zum einzigen Weg geworden.

Ob ihn der wichtige Wettkampf nervös mache? „Nein, ich werde eines Tages Champion sein.“ Das sagt er selbstbewusst, ohne arrogant zu wirken. Luis ist ein ruhiger Junge, der aus einer Arbeiterfamilie stammt, in der das Geld oft knapp ist. In Ferrobaires muss er nicht für das Training zahlen. Doch die Ausrüstung, wie Sportschuhe, Bandagen oder der Zahnschutz, muss er selbst bezahlen. Nach dem Training arbeitet Luis in einem Kiosk – und hat dadurch weniger Zeit für den Sport. Auch die widrigen Umstände, der harte Alltag, gehören zu seinem ganz persönlichen Countdown hin zum Ziel. Genauso wie die Frage, ob es letztlich funktionieren wird. Bei aller Zuversicht schwingt stets ein leiser Zweifel mit.

Boxer müssen für alles gewappnet sein

Manchmal macht ihn das müde und doch weiß Luis, dass er diszipliniert weitermachen muss, wenn er an die Spitze will. „Der Junge ist intelligent, steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden“, sagt Santoro.  Er bereitet Luis auch mental auf den Kampf und die Karriere  vor. „Ich baue ihn auf, spreche ihm Mut zu.“ Gesprochen wird aber auch über die Möglichkeit zu scheitern. „Boxer müssen hier für alles gewappnet sein.“

„Ich werde gewinnen“ sagt Luis kurz vor dem Kampf  und kaut trotzdem nervös an den Fingernägeln herum. Als er schließlich in den Ring steigt, vergisst er alles um sich, nimmt voller Adrenalin nur noch den Gegner wahr. Die groben Boxhandschuhe schützend vors Gesicht haltend positioniert er sich. Der Kampf ist kurz, nur drei Runden werden ausgetragen. Wer der Bessere war ist schwer zu sagen. Beide Boxer haben ausgeteilt und eingesteckt. Als das Ergebnis verlesen wird, reißt der Andere triumphierend die Arme in die Luft.

Luis wollte aufhören, als er das erste Mal verloren hatte, sagte, das sei nichts für ihn. Heute ist das anders. Der Countdown geht weiter, Niederlagen gehören dazu, im Boxen wie im Leben. Und die Talentsucher? „Die haben gesehen, was ich kann. Es kommt nicht nur darauf an, wer gewinnt, sondern darauf, wie du boxt.“ Irgendwann werden sie anrufen, da ist sich Luis sicher. Vielleicht nicht dieses Mal aber doch beim nächsten. Irgendwann wird er Champion sein. Die Zeit läuft.

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