Die Durchgeknallte

In Buenos Aires machen psychisch Kranke Radio. Ein etwas anderes Projekt.

Das improvisierte Aufnahmestudio der Colifaten

Das improvisierte Aufnahmestudio der Colifaten

Das Gebäude steht mitten im Nirgendwo. Zumindest macht es den Eindruck. Die Straße ist leer im Vergleich zum sonst so quirligen Buenos Aires. Der Ort ist ruhiger aber irgendwie auch gespenstischer. Zumal der Gebäudekomplex sehr heruntergekommen ist. Die Wände sind grau, durch viele Fenster kann man kaum noch hindurchsehen, durch andere dagegen komplett, weil das Glas zerschlagen ist. Ich gehe vorbei an den Pförtnern, die sich gelangweilt unterhalten, gehe die Einfahrt entlang auf das Gebäude zu und links an ihm vorbei.

Schon von weitem höre ich die Stimmen und Musik, verstärkt durch ein Mikrofon. Als ich den Hof hinter dem Haus erreiche, eröffnet sich eine andere Welt, nicht mehr trist und grau, sondern fröhlich, lebhaft. Auf gelben und weißen Klappstühlen sitzen etwa 50 Personen in einem großen Kreis. Andere stehen, unterhalten sich, gehen von einer Seite zur anderen. Es ist ein bunter Haufen von jung und alt. Boxen sind aufgestellt, auf klapprigen Tischen stehen einige Laptops und ein Kabelsalat. Ich trete von hinten an die Gruppe heran, setze mich auf einen freien Stuhl und höre zu. IMG_5686
Es ist ein gewöhnlicher Samstag Nachmittag im La Borda, der größten staatlichen Nervenheilanstalt in Buenos Aires. Seit 22 Jahren finden sich hier jede Woche, immer samstags, Menschen zusammen, um eine Radiosendung zu produzieren. Psychisch kranke Menschen, die entweder im La Borda stationiert waren oder es noch immer sind. La Colifata ist der Name des Radios, was soviel bedeutet wie „die Durchgeknallte“.
Alles wirkt improvisiert. Das Equipment ist zusammengewürfelt. Auf eine alte Schiefertafel wurde das Programm geschrieben, durch das Alfredo Olivera führt. Alfredo ist Psychologe und hat La Colifata initiiert.

Buenos Aires ist weltweit die Stadt mit den meisten Psychiatern und Psychologen pro Kopf. Und doch werden psychisch Kranke auch dort noch oft stigmatisiert. Vor allem dann, wenn sie nicht nur als verrückt gelten, sondern auch aus einer der unteren sozialen Schichten Argentiniens stammen. Das trifft auf alle Patienten im La Borda zu. Wer sich eine andere Klinik leisten kann, bringt seine Angehörigen nicht hier unter. Wer im Borda behandelt wird, steht doppelt am Rande der Gesellschaft: aufgrund der Krankheit und aufgrund von Armut.
Mit La Colifata wollte Alfredo diesem doppelten Stigmata entgegenwirken. Den Menschen, denen selten einer zuhört, gab er ein Mikrofon in die Hand und ließ sie sprechen. Über ihre Krankheit aber auch über andere Themen – Politik, Musik, Theater, das Leben an sich oder darüber, ob es einen Himmel gibt. Eben alles, was auch im „normalen“ Radio zu finden ist. „La Colifata reduziert die Leute nicht nur auf ihr medizinisches Befinden“, erklärt mir Alfredo später. Die Patienten stehen hier nicht mehr am Rand, sondern im Mittelpunkt und werden wahrgenommen. Alle haben sie ein Innenleben, das in der Sendung nach außen getragen wird. Das tut den Radiomachern ganz offensichtlich gut. Sie sind fröhlich aber konzentriert bei der Sache.

IMG_5663La Colifata will einen Dialog führen mit dem Rest der Gesellschaft. So soll nach und nach das Stigma der Verrückheit aufgebrochen werden. Die Radiomacher sind nicht nur offen für Besucher, sie heißen sie auch herzlich Willkommen. Man fühlt sich erwünscht, im bunten Hof hinter dem La Borda. „Ich fühle mich wohl hier“, sagt ein anderer Gast.

Lange verstecken kann ich mich denn auch nicht. Jeder Neuankömmling wird begrüßt. Alfredo drückt mir das Mikrofon in die Hand und fordert mich auf, mich vorzustellen. Also nenne ich meinen Namen und erzähle, wer ich bin: eine Studentin aus Deutschland, die sich dieses verrückte Radio mal live anschauen will. Freundliche Blicke werden mir zugeworfen, der Mann neben mir bietet mir eine Zigarette an. Das Programm geht weiter.

La Colifata wird nicht nur in Buenos Aires gehört, sondern landesweit. Das ist möglich durch Mikroprogramme. Direkt nach der Live-Sendung jeden Samstag, wird diese in kurze Beiträge geschnitten, die an verschiedene Radios in ganz Argentinien geschickt werden. Dadurch ist La Colifata im ganzen Land bekannt.
IMG_5672Wer zu den Patienten hier gehört ist leicht auszumachen. Im Gegensatz zu den Besuchern tragen die Colifaten, wie die Radiomacher genannt werden, meist abgewetzte Kleidung. Manche sehen wirklich verrückt aus. Einer hat sich eine rote Mütze so tief ins Gesicht gezogen, dass er kaum noch etwas sieht. Seine Arme hat er hinter dem Rücken verschränkt, den Kopf schiebt er weit nach vorne, die Lippen sind gewölbt. Ein schmunzeln kann ich mir dabei nicht verkneifen und denke doch, dass ich nicht grinsen sollte. Ein junger Mann mit kurzem dunklen Haar trägt einen Anzug, der ihm zwei Nummern zu groß ist. Er interessiert sich für meine Kamera. Es macht ihm Spaß, zu posieren, also schieße ich ein paar Bilder und zeige sie ihm anschließend auf dem Display. Er freut sich darüber.

Gerade steht das Verrücktsein an sich auf dem Programm. „Wer geht zum Psychologen?“ Alfredo blickt fragend in die Runde. Ein Großteil der Anwesenden hebt die Hand. Es sind nicht nur die als verrückt geltenden, die professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. „Und doch ist da das Stigma, dass eine Therapie nur für Verrückte ist“, meint Alfredo. Er führt die Diskussion, reicht das Mikrofon an jeden, der etwas sagen möchte. Zwischendurch wird immer wieder Musik eingespielt. Dann unterhalten sich die Patienten mit den Gästen. Alle sind sie neugierig auf die anderen, bis die Unterschiede zerfließen und ein geselliges „wir“ in der Luft liegt. Kekse werden herumgereicht, Kaffee und natürlich Mate.

Eine musikalische Einlage von Patienten des Borda

Eine musikalische Einlage von Patienten des Borda

Nach den eher ernsten Themen geht es weiter mit Musik, heute live. Ein Gastmusiker ist da, argentinischer Folk. Schließlich greift ein Patient zur Gitarre, fängt an zu spielen und zu singen. Einige stimmen ein.
Der „durchgeknallte“ Sender erhielt übrigens schon berühmte Unterstützung. Manu Chao hat das La Borda besucht und mit den Radiomachern ein Album aufgenommen.

Bei La Colifata weiß man nie, was passiert. Es wird improvisiert, die Eigendynamik ist groß. Das Zusehen und Zuhören macht Spaß.
Das Radio bringt das sonst eher monotone Borda zum Leben. An jedem gewöhnlichen Samstag. Bloß dass die Samstage dank den Durchgeknallten gar nicht mehr so gewöhnlich sind.

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