Begegnung im Flieger

„Sie lesen aber harten Tobak“, sagt Klaus fröhlich. Er hat eine leichte Weißweinfahne, eine Einstein-Frisur  und sitzt neben mir im Flieger. Zusammen mit seiner Frau und einem befreundeten Paar, alle sind sie um die 75, will er Urlaub in Wien machen. Eine Woche lang. Die vier sind ausgelassen und scherzen über die Sitze hinweg. Klaus sitzt neben mir und der Frau seines Freundes. „Meine Nachbarin hier liest harten Stoff“, erzählt er auch dieser. Ich habe die Süddeutsche Zeitung auf dem Schoß liegen, einen Artikel über den Bürgerkrieg in Syrien oben auf. Ich muss lächeln und wir kommen ins Gespräch.

Der Krieg in Syrien bringt Klaus auf den Zweiten Weltkrieg zu sprechen. „Wie gut es ist, dass wir seit 70 Jahren keinen Krieg mehr haben in Deutschland“, meint er. „Wir sind eigentlich auch traumatisiert. Jetzt sagen sie, die Soldaten, die aus Afghanistan wiederkommen, sind traumatisiert. Aber wir sind das eigentlich auch.“ Wild gestikulierend und sich durchs Haar fahrend (daher kommt wohl auch die Einstein-Tolle) erzählt er mir, dass seine Frau in Dresden gewesen sei, als dort die Bomben fielen. „Zum Glück hat sie es überlebt.“ Klaus erlebte den Krieg in Hamburg. Als 13-Jähriger unterstützte er seine Großmutter  und musste dabei nicht selten über Leichen steigen. Der Krieg neigte sich da bereits dem Ende zu. „Als die Jungs während der NS-Zeit in den Thüringer Wald gingen, um Schießübungen zu machen, war ich sauer, weil ich nicht mitdurfte.“ Nachdenklich nippt er an seinem Glas Weißwein.

In vier verschiedenen Staaten habe er gelebt, erzählt Klaus nun. „Im Dritten Reich, kurz nach dem Krieg unter Kommunismus, von 1955 – 1965 in einem freien Staat und seither leben wir in einer Verwaltungsdiktatur. Wenn Sie mir sagen können, wie viele verschiedene Steuern es in Deutschland gibt, bin ich beeindruckt.“ Kann ich nicht. Klaus nickt zufrieden. Das hatte er von einer Studentin der Politikwissenschaft offensichtlich auch nicht erwartet. Auch als Räuberstaat bezeichnet er die Bundesrepublik. Das führt er allerdings nicht aus. Im Nachhinein frage ich mich, wen er am 22. September wohl wählen wird.

Klaus ist ein sympathischer und gesprächiger alter Herr, dessen Alkoholfahne während des Fluges zunimmt. Das ist eine Begleiterscheinung des Gesprächs, das wir führen. Von der Verwaltungsdiktatur kommen wir auf mein Studienfach zu sprechen, auf seine frühere Arbeit als Flugzeugbauer und auf Indiologie. Warum das überhaupt jemand studiert, versteht er so gar nicht. „Zu was soll das denn gut sein?!“

Zurück zur Politik. „Baden-Württemberg ist ja auch im Suff entstanden“, sagt Klaus plötzlich. Nun muss ich doch laut lachen. „Ernsthaft?“, frage ich nach? „Das habe ich noch nirgends gehört oder gelesen.“ „Doch, doch“, erwidert er. Wer mit wem angestoßen hat, das weiß er nicht mehr genau. Überzeugt von der Geschichte ist er aber allemal.

Wir nähern uns Wien. „Genießen Sie das Leben.“ Seine Worte zum Abschied bleiben hängen bei mir, lassen mich noch lange an ihn, seine Freunde und dieses Gespräch denken. Auch jetzt wieder. Ich muss unwillkürlich lächeln. Klaus wusste, wovon er sprach. Er schien mir ein Genießer zu sein, in jeglicher Hinsicht: den Wein im Flugzeug, die Gesellschaft seiner Freunde und Frau, die Auseinandersetzung mit politischen Themen und das Gespräch mit Sitznachbarn. Auf seinen Rat sollte man hören.

(Ist Baden-Württemberg (B-W) nun im Suff entstanden? Meine Nachforschungen ergaben nichts diesbezüglich. Ich werde der Sache weiter nachgehen. Theodor Heuß hat die Entstehung des Bundeslandes als „Glücksfall der Geschichte“ bezeichnet. Es war ein hartes Ringen, die Badner fürchteten sich offensichtlich vor „schwäbischem Imperialismus“. Vielleicht waren die Schwaben in dem Fall  mal nicht geizig und haben die Badner betrunken gemacht. So im Suff unterschreibt sich vieles, wer weiß. Wer sich für die Geschichte des Bundeslandes interessiert, kann hier einiges nachlesen. Und wer was von betrunkenen Badnern und Schwaben weiß, möge sich bei mir melden.)

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