Von Krieg und Flucht

Als Dalil und Raham das Boot betraten, trug jeder einen Koffer bei sich. Sie hatten zu Hause Kleidung eingepackt, Erinnerungen, Fotos. Die beiden wussten nicht, ob sie zurückkehren würden. An Bord des Bootes befanden sich 160 Menschen. Das waren zu viele, sie waren zu schwer. Also wurde Gepäck ins Meer geworfen. Auch die Koffer von Dalil und Raham.


Wie so viele andere, flohen auch die Brüder vor dem Bürgerkrieg in Syrien über das Mittelmeer nach Europa. Ob sie in ihr Heimatland zurückkehren werden, das wissen die beiden auch nicht.
Heute sitzen sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Hamburg-Stellingen. Als sie hier ankamen, besaßen sie nichts als die Kleidung am Leibe und 137 Euro. Dalil ist 29, Raham 30 Jahre alt. Die Brüder sind zwei aufgeweckte und freundliche junge Männer, die mir von einer Realität erzählen, die ich mir nur schwer vorstellen kann: Krieg.

Sicher, ich sehe die Bilder im Fernsehen, ich lese Zeitung. Ich unterhalte mich mit Menschen aus aller Herren Länder, die Krieg erleben mussten. Ich habe gehört vom Krieg, angefangen bei dem, was meine Großmutter über die Kriegserlebnisse meines Opas in Russland erzählt hat. Ich habe gehört vom Hunger und der Kälte aber auch der Freundlichkeit mancher Menschen, die doch eigentlich zum Feind gehörten. Ich habe eine Idee, wie ich das Wort „Krieg“ mit Bedeutung füllen kann oder soll. Letztlich bleibt es aber bei dieser vagen Idee. Ich habe gehört und gelesen von Krieg, doch ich musste ihn nie erleben. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, Bomben einschlagen zu hören, in der permanenten Angst, dass die nächste das eigene Haus treffen könnte. Ich weiß nicht, wie es riecht, von blutüberströmten Menschen umgeben zu sein oder wie es ist, auf staubigen Straßen über tote Kinder steigen zu müssen. Ich weiß nicht, wie es ist, in der Verrücktheit des Krieges nach Normalität zu suchen, nach einem Lachen, nach einem kleinen Stückchen Menschlichkeit.

Wobei das mit der Menschlichkeit auch so eine Sache ist: „Zu den Steinen hat einer gesagt: ‚Seid menschlich.’ Die Steine haben gesagt: ‚Wir sind noch nicht hart genug.’“ Erich Fried, von dem diese Worte stammen, war ein kluger Mann. Geht es um Flüchtlinge sind in Deutschland allzu viele Menschen hart. Das Wort ist seit Monaten in aller Munde, nicht zuletzt aufgrund der Geschehnisse vor Lampedusa. Trotz all der Unterstützung, die Flüchtlingen in Deutschland begegnet, ist da auch enorm viel Ablehnung. Schneeberg in Sachsen ist bloß das extremste Beispiel für eine Grundhaltung, die doch viele einnehmen.
Die Gründe dafür sind vielschichtig. Einer ist sicherlich, dass weder Deutschlands noch Europas Politiker hier beispielhaft vorangehen und den Bürgern vermitteln, dass es unser aller Anliegen sein sollte, Menschen zu helfen, die das durchleben mussten, was der Mehrheit der heutigen deutschen Gesellschaft erspart blieb: Krieg. Dass es nicht unser aller Anliegen ist, ergibt keinen Sinn. Die Werte unserer Gesellschaft, aus denen auch das Fundament des Grundgesetzes besteht, beruhen unter anderem auf Menschenwürde und Leben. Beides bleibt Flüchtlingen in Deutschland nur allzu oft verwehrt.

Die meisten Menschen, die auf deutschem Boden Asyl beantragen, stammen aus Kriegs- und Krisenstaaten, aus Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Irak. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie die Flucht als einzigen Ausweg sehen um zu überleben. In der ganzen Debatte kommt diese Tatsache viel zu selten zur Sprache. Jeder, mit dem ich in der Stellinger Einrichtung gesprochen habe, wollte zurück in sein Heimatland. Aber das ist keine Alternative. Vor allem nicht für die Syrer. Mehr als 100.000 Menschen starben in Syrien in den letzten zweieinhalb Jahren und es ist kein Ende des Konflikts in Sicht. Während des Bosnienkriegs lebten 320.000 Flüchtlinge in Deutschland. Zum Vergleich: Knapp drei Millionen Syrer sind auf der Flucht. Von diesen haben bislang lediglich 5.000 einen gesicherten Aufenthaltsstatus als Kontingentflüchtlinge in Deutschland, 23.000 kamen aus eigener Initiative, um in der Bundesrepublik einen Asylantrag zu stellen. Wie viele von ihnen letztlich bleiben dürfen, ist ungewiss.

Ob Deutschland, ob Europa oder die Welt militärisch in Syrien einschreiten sollten ist eine Frage, über die man diskutieren kann. Aber bedarf es tatsächlich einer Debatte darüber, ob jenen geholfen werden sollte, die ohne Zweifel schutzbedürftig sind? Ist wirklich all die Bürokratie notwendig oder eine Diskussion darüber, ob Menschen, die nichts haben als die Kleidung am Leibe, ein Obdach gegeben werden sollte?

Ich weiß nicht, wie sich Krieg anfühlt. Sollte ich ihn aber jemals erleben müssen, sollte ich jemals flüchten müssen, so hoffe ich, auf Menschen zu treffen, die mir Empathie entgegen bringen. Mehr Empathie als Flüchtlingen wie Dalil und Raham  in Deutschland begegnet.

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